Das Deutsche unterscheidet sorgfältig zwischen Tätigkeiten, die im Englischen alle walking heißen. Du gehst spazieren, du wanderst, du bummelst. Wer flaniert, tut wieder etwas anderes als wer schlendert, und im 19. Jahrhundert ist man auch noch lustgewandelt.
Fünf Wörter für dieselbe Fortbewegung. Das klingt nach einer Sprachmarotte, ist aber eine ziemlich präzise Beschreibung von fünf verschiedenen Verhaltensweisen. Und wenn du sie auf eine Karte legst, sehen sie völlig unterschiedlich aus.
Die drei, die zählen
Spazieren heißt: kurze Strecke, ohne Eile, zur Erholung, meistens direkt vor der Haustür. Kein Ziel außer dem Gehen selbst. Typisch sind Promenaden, Parks und verkehrsberuhigte Innenstädte.
Wandern heißt: mehrere Stunden, in der Natur, mit Planung. Schuhe, Route, Kondition. Fast immer außerhalb der Stadt, fast immer als Ausflug, und deshalb selten.
Bummeln heißt: Fußgängerzone. Schaufenster, Café, Innenstadt. Es ist die einzige der drei, bei der das Gehen nicht der Zweck ist, sondern das Transportmittel zwischen Geschäften.
Der Unterschied ist keine Feinheit. Es sind drei verschiedene Entfernungen, drei verschiedene Häufigkeiten und drei völlig verschiedene Flächen.
Jetzt die Karten
Beim Gehen wird ungefähr ein 30 Meter breiter Streifen abgedeckt, fünfzehn Meter nach jeder Seite. Damit lässt sich jede der drei Tätigkeiten ausrechnen.
| Strecke | Wie oft im Jahr | Neue Fläche pro Jahr | |
|---|---|---|---|
| Spazieren | 5 km, meist dieselbe Runde | 150 | 0,15 km² |
| Wandern | 15 km, jedes Mal woanders | 6 | 2,7 km² |
| Bummeln | 2 km, immer dieselbe Zone | 40 | 0,06 km² |
Lies die letzte Spalte zweimal.
Das Wandern deckt im Jahr etwa das Achtzehnfache dessen ab, was das Spazieren abdeckt, obwohl du es fünfundzwanzigmal seltener tust. Nicht weil es weiter ist, sondern weil es jedes Mal woanders stattfindet. Der Spaziergang wiederholt sich, und Wiederholung addiert auf der Karte nichts.
Das Bummeln ist der Extremfall. Eine Fußgängerzone ist vielleicht einen halben Quadratkilometer groß, und du legst darin pro Jahr locker 80 Kilometer zurück. Die Karte verändert sich nach dem dritten Mal nicht mehr.
Zum Vergleich: Eine mittelgroße deutsche Stadt hat 100 bis 200 Quadratkilometer.
Was daran wirklich interessant ist
Die naheliegende Schlussfolgerung wäre "wandere mehr". Die ist richtig und ziemlich nutzlos, weil niemand aus einem Blogtext heraus anfängt, jedes Wochenende in die Berge zu fahren.
Die interessantere Schlussfolgerung ist eine andere. Der Unterschied zwischen den drei Zeilen liegt nicht in der Distanz, sondern darin, ob die Strecke neu ist. Das Wandern gewinnt, weil man beim Wandern selbstverständlich jedes Mal eine andere Route nimmt. Niemand wandert zwanzigmal hintereinander denselben Weg. Beim Spazieren tut das jeder.
Das heißt: Der Spaziergang hat die Fläche des Wanderns, er wirft sie nur weg. Die gleichen 750 Kilometer im Jahr, verteilt auf wechselnde Straßen statt auf eine Runde, ergäben über 20 Quadratkilometer statt 0,15.
Es ist also kein Mengenproblem. Du gehst schon genug. Du gehst nur immer da.
Vier Änderungen, eine pro Wort
- Spazieren: die Runde rückwärts. Die billigste Änderung überhaupt, und dieselbe Strecke sieht in der Gegenrichtung anders aus. Mehr dazu in der Sonntagsspaziergang.
- Spazieren: die Parallelstraße. Neben deiner Runde läuft fast immer eine Straße, die du nie betreten hast, fünfzig Meter entfernt.
- Wandern: in der Stadt. Das, was das Wandern richtig macht, also Dauer und wechselnde Strecke, funktioniert auch ohne Auto und ohne Berge. Zwei Stunden durch die eigenen Randbezirke sind eine Wanderung, nur ohne Ausflug.
- Bummeln: eine Straße weiter. Die Fußgängerzone hat fast immer eine Parallelgasse ohne Ketten. Die ist meistens interessanter und immer leerer.
Wo du siehst, welches der drei du tatsächlich machst
Ein Schrittzähler kann das nicht beantworten. Er zählt Schritte und interessiert sich nicht dafür, wo sie stattgefunden haben, also sehen alle drei Zeilen der Tabelle für ihn gleich aus.
Eine Nebelkarte kann es. Das Prinzip kennst du aus Strategiespielen: Die Karte startet verdeckt, und Gehen lichtet den Nebel in einem Streifen um dich herum. Nach ein paar Wochen erkennst du deine Zeile sofort. Ein dichter kleiner Fleck um die Wohnung ist Spazieren. Einzelne lange Linien ins Umland sind Wanderungen. Ein heller Klecks in der Innenstadt ist Bummeln.
Wie das funktioniert, steht in Fog of War, aber echt. Fogbreaker macht daraus mit Gebieten einen Prozentwert pro Stadtteil.
Zwei ehrliche Anmerkungen
Die Tabelle bewertet Gehen nach abgedeckter Fläche, und das ist eine ziemlich spezielle Art, Gehen zu bewerten. Ein Spaziergang, der immer dieselbe Runde nimmt, kann trotzdem genau das Richtige sein: Er ist ein Ritual, er ist Erholung, und Erholung braucht keine neuen Straßen. Wenn das dein Sonntag ist, ist die Zahl 0,15 km² kein Vorwurf.
Und Nebel lichtet sich nur draußen mit GPS. Laufband und Einkaufszentrum zählen Schritte, decken aber nichts auf, was beim Bummeln in einer überdachten Passage tatsächlich relevant wird. Fogbreaker ist kostenlos für iOS und Android.
