Im August war in Biedenkopf drei Tage lang Ausnahmezustand. Etwa 4.000 Menschen organisieren den Grenzgang ehrenamtlich in ihren Gesellschaften, mehrere zehntausend kommen als Besucher, und am dritten Tag laufen rund 10.000 Leute gemeinsam durch den Wald.
Der nächste ist 2033. Der Turnus liegt bei sieben Jahren und ist seit 1956 ungebrochen: 1963, 1970, 1977, 1984, 1991, 1998, 2005, 2012, 2019, 2026.
Erwähnt wird so eine Grenzbegehung dort zum ersten Mal 1693, damals als Verwaltungsakt. Zum Volksfest wurde die Sache 1839. Und hinter dem Bier und den Girlanden steckt eine Idee, die als Gehroute erstaunlich gut funktioniert und die du nicht alle sieben Jahre brauchst.
Was da eigentlich abgelaufen wird
Die Grenze des Biedenkopfer Stadtwaldes ist 25 Kilometer lang und mit 273 Grenzsteinen markiert. Aufgeteilt wird sie auf drei Tage:
| Tag | Strecke | Grenzsteine |
|---|---|---|
| Erster Tag | 16,8 km | 1 bis 43 |
| Zweiter Tag | 14,5 km | 44 bis 157 |
| Dritter Tag | 16,3 km | 157 bis 273 |
Zusammen sind das 46 Kilometer Laufstrecke und 1.370 Höhenmeter, weil man zur Grenze ja erst hin und abends wieder zurück muss.
Der ursprüngliche Zweck war Kontrolle. Steine verschwinden, Steine wandern, und wer eine Grenze nicht regelmäßig abläuft, hat irgendwann keine mehr. Das Ablaufen war die Datensicherung, und die Kinder, die man früher an den Grenzsteinen ohrfeigte, damit sie sich die Stelle merken, waren die Backup-Kopie.
Warum ausgerechnet die Grenze
Jetzt der Teil, der für dich interessant ist, auch ohne Verein.
Eine Grenze ist per Definition die Linie, die am weitesten von der Mitte weg liegt. Und dein Leben findet in der Mitte statt. Wohnung, Bäcker, Bahnhof, Schule, Arbeitsweg, Hausrunde, alles davon sind Punkte im Inneren. Es gibt schlicht keinen Grund, jemals an den Rand zu gehen, weil am Rand nichts ist, was dich betrifft.
Deshalb ist die Grenze nicht irgendein unbekannter Weg. Sie ist der systematischste unbekannte Weg, den es in deiner Nähe gibt. Jeder Meter davon ist neu, und zwar nicht zufällig, sondern zwangsläufig.
Was das auf der Karte macht
Beim Gehen deckst du ungefähr einen 30 Meter breiten Streifen auf, fünfzehn Meter nach jeder Seite. Damit lässt sich der Unterschied ausrechnen.
| Strecke | Wie oft im Jahr | Neue Fläche | |
|---|---|---|---|
| Die Hausrunde | 5 km | 150 | 0,15 km² |
| Ein Grenzgang | 25 km | 1 | 0,75 km² |
Eine einzige Grenzrunde deckt also das Fünffache dessen auf, was die Hausrunde in einem ganzen Jahr schafft. 750 Kilometer gegen 25, und die 25 gewinnen, weil bei der Hausrunde ab dem zweiten Mal nichts mehr dazukommt. Warum das so ist und wie man es ändert, ohne das Ritual kaputtzumachen, steht in der Sonntagsspaziergang.
Wo deine Grenze liegt
Der Begriff, den du suchst, ist Gemarkung. Das ist die Katastereinheit, nicht die Gemeinde: Eine Gemarkung kann mit der Gemeindegrenze übereinstimmen, oft umfasst sie aber nur einen Teil davon, und größere Städte bestehen aus mehreren, die dann meistens nach den Stadtteilen benannt sind. Darunter kommen Flur und Flurstück.
Zu finden ist die Grenze in den amtlichen Katasterkarten der Bundesländer, die alle ein Geoportal im Netz haben, oder in OpenStreetMap, das Verwaltungsgrenzen als eigene Ebene führt. Es lohnt sich, vorher draufzuschauen, denn die Form überrascht fast immer. Gemarkungsgrenzen folgen alten Fluren, Bächen und Waldkanten, nicht dem, was heute nach Ortsrand aussieht.
Vier Arten, das zu machen
- In Etappen. Biedenkopf teilt 25 Kilometer auf drei Tage auf, und das ist kein Zufall. Vier bis fünf Kilometer Grenze pro Ausflug reichen völlig, und der Weg zur Grenze hin zählt mit.
- Ungefähr statt exakt. Die Grenze läuft durch Äcker, über Bahntrassen und durch Privatgrundstücke. Nimm den nächstgelegenen öffentlichen Weg. Das Ziel ist die Gegend am Rand, nicht die Linie auf den Meter.
- Mit Fixpunkten. Grenzsteine gibt es außerhalb von Biedenkopf auch, sie sind nur nicht durchnummeriert. Alte Steine, Wegkreuze, Bachläufe und Gemarkungsschilder machen aus der Runde eine Sammlung statt einer Strecke.
- Zu mehreren. Der Grenzgang ist seit 1839 ein Fest und seit 1887 ein Verein, und das hat einen Grund: 25 Kilometer Feldweg allein sind eine Pflichtübung, zu fünft sind sie ein Sonntag.
Was die Karte dazu sagt
Ein Schrittzähler kann dir nicht zeigen, dass du immer in der Mitte läufst. Er zählt Schritte, und dem Zähler sieht die Grenzrunde genauso aus wie die zweihundertste Hausrunde.
Eine Nebelkarte zeigt es sofort. Das Prinzip kennst du aus Strategiespielen: Die Karte ist zu Beginn verdeckt, und Gehen lichtet den Nebel in einem Streifen um dich herum. Wie das genau funktioniert, steht in Fog of War, aber echt.
Nach ein paar Wochen siehst du deinen eigenen Kern: ein heller Fleck um die Wohnung, ein paar Linien zur Arbeit und zum Supermarkt, und drumherum ein Ring aus nichts. Genau dieser Ring ist die Gemarkung. Fogbreaker macht daraus mit Gebieten einen Prozentwert pro Stadtteil, und der bewegt sich bei einer Grenzrunde mehr als bei allem anderen, was du in dem Monat läufst.
Zwei ehrliche Anmerkungen
Nicht jede Grenze ist begehbar. Das Betreten von Wald und freier Landschaft zur Erholung ist grundsätzlich erlaubt, die Einzelheiten regeln aber die Länder, und Äcker, Weiden, eingezäunte Grundstücke, Bahnanlagen und Autobahnen sind es nicht. Wenn die Grenze irgendwo mitten durch einen Acker geht, ist die Antwort der Feldweg daneben und nicht die Diskussion mit dem Landwirt.
Und Nebel lichtet sich nur draußen mit GPS. Fogbreaker ist kostenlos für iOS und Android. Wenn dich eher interessiert, welche Art von Gehen deine Karte überhaupt bewegt, sind spazieren, wandern, bummeln drei Wörter für drei völlig verschiedene Flächen.
