Im Oktober 2024 veröffentlichte die französische Zeitung Le Monde eine Recherche, für die niemand irgendetwas hacken musste. Die Redaktion fand die Strava-Profile von 26 Agenten des US Secret Service, 12 Mitgliedern des französischen Präsidentenschutzes und sechs Offizieren des russischen Föderalen Schutzdienstes. Dann las sie deren Laufrunden.
Der Morgenlauf eines Agenten begann an einem Hotel in San Francisco, wenige Stunden bevor Joe Biden dort 2023 zu Gesprächen mit Xi Jinping eintraf. Beim Personenschutz von Emmanuel Macron ließ sich ein privates Wochenende 2021 in Honfleur nachvollziehen, das in keinem offiziellen Terminplan stand. Mehrere Bodyguards von Wladimir Putin liefen ihre Runden in der Nähe eines Schwarzmeer-Palasts, dessen Besitz er bestreitet.
Nichts davon war ein Leak. Niemand wurde gehackt. Die Bodyguards haben ihre Trainings in eine Fitness-App hochgeladen, und die App hat genau das getan, wofür sie gebaut wurde.
Das ist der entscheidende Punkt, und genau den bekommen fast alle Texte über Datenschutz bei Fitness-Apps falsch zu fassen.
Das Risiko ist nicht, dass deine App Daten verkauft
Fragt man Leute, was sie an einer Standort-App beunruhigt, sagen die meisten: Die Firma verkauft meine Daten an die Werbeindustrie. Die Sorge ist berechtigt und es passiert auch. Nur ist es nicht das, was öffentlich immer wieder tatsächlich schiefgegangen ist.
Zurück zum ersten großen Fall. Im November 2017 veröffentlichte Strava eine weltweite Heatmap aus rund einer Milliarde Aktivitäten: etwa drei Billionen einzelne GPS-Punkte, ungefähr 27 Milliarden zurückgelegte Kilometer, alles aggregiert und anonymisiert. Eine schöne Datenvisualisierung, und sie war bewusst veröffentlicht.
Im Januar 2018 fiel dem australischen Forscher Nathan Ruser etwas daran auf. Mitten in der syrischen Wüste, wo nichts hätte sein sollen, leuchteten Laufstrecken. Es waren die Umrisse von Militärbasen. Journalisten bestätigten danach dasselbe Muster im Irak und in Afghanistan: Lagerumrisse, Versorgungswege, Patrouillenrouten und der Tagesrhythmus, wer sich wann wohin bewegte. Einige der Standorte waren Einrichtungen, die die USA nie öffentlich bestätigt hatten. Strava schränkte den Zugriff auf die Heatmap im März 2018 ein, das US-Verteidigungsministerium leitete eine Überprüfung ein.
Keine einzelne Person in diesem Datensatz war identifiziert. Das war ja der Sinn. Die Daten waren anonymisiert und aggregiert, und trotzdem zeichneten sie eine Karte geheimer Infrastruktur. Denn hundert Soldaten, die dieselbe Runde laufen, ergeben eine Form, und Formen bedeuten etwas.
Die ehrliche Zusammenfassung lautet also: In beiden berühmten Fällen haben die Daten genau so funktioniert, wie sie sollten. Nichts wurde gestohlen, nichts verkauft. Öffentliche Voreinstellungen, plus Aggregation, plus jemand Kluges, der sich das Ergebnis ansieht.
Das verschiebt die Frage, die du dir stellen solltest.
Was eine Walking-App sehen kann
Nicht alles davon trifft auf jede App zu, und die Unterschiede sind wichtiger als die Liste selbst.
Wo du bist, und zwar genau. Consumer-GPS ist im Freien auf wenige Meter genau. Das reicht, um ein Gebäude zu identifizieren, nicht nur eine Straße.
Wo du bist, wenn du die App gar nicht nutzt. Standortzugriff im Hintergrund ist der größte Unterschied zwischen Apps. Eine App mit dieser Berechtigung kennt deine Wege auch geschlossen und in der Hosentasche. Eine App ohne sie weiß nur, was passiert, während du hinschaust.
Wann du etwas tust, was oft mehr verrät als das Wo. Eine Route ist eine Tatsache. Dieselbe Route werktags um 07:10 Uhr ist ein Zeitplan, und ein Zeitplan verrät, wann du verlässlich nicht zu Hause bist.
Start und Ziel, und das ist der heikle Teil. Diesen Punkt unterschätzen fast alle. Die Mitte deiner Runde ist meistens belanglos. Die beiden Enden sind deine Wohnung und dein Arbeitsplatz, und eine Karte deiner Spaziergänge markiert beides zuverlässiger als alles andere, was du herausgeben könntest. Das ist messbar, nicht theoretisch: Forschende der NC State zeigten 2023, dass sich Start- und Stopp-Cluster aus Stravas öffentlicher Heatmap mit Adressdaten abgleichen lassen und die Wohnadresse von Vielnutzern in etwa 37,5 Prozent der Fälle auf 100 Meter genau vorhersagbar war. Diese Studie und Stravas aktuelle Datenbedingungen gehen wir in Strava-Alternativen für Spaziergänger durch. Privatzonen, die einen Radius um deine Adresse unkenntlich machen, gibt es in den meisten ernstzunehmenden Apps, und kaum jemand schaltet sie ein.
Mit wem du unterwegs bist. Freundeslisten, Ranglisten, geteilte Aktivitäten und Kudos bauen ein soziales Netz auf die Standortdaten obendrauf. Die Le Monde-Recherche funktionierte zum Teil genau darüber, über Verbindungen zwischen Konten.
Was sich ableiten lässt. Bewegungsdaten tragen Rückschlüsse weit über Bewegung hinaus: wo du einkaufst, wo du betest, welche Praxis du besucht hast, ob sich deine Routine plötzlich geändert hat. Nichts davon wird erhoben. Alles davon ist ableitbar.
Die drei Fragen, auf die es ankommt
Die üblichen Ratschläge sagen: Lies die Datenschutzerklärung. Fast niemand tut das, und die Texte sind so geschrieben, dass die Lektüre selten eine Entscheidung ändert. Diese drei Fragen gehen schneller und sagen mehr.
1. Was ist standardmäßig öffentlich?
Das ist der Punkt, der jeden der oben genannten Vorfälle verursacht hat. Nicht, was die Firma mit deinen Daten macht, sondern was Fremde sehen können, ohne zu fragen. Prüfe die Voreinstellung für die Sichtbarkeit deiner Aktivitäten, deines Profils, deiner Streckenkarten und deiner Kontaktliste. Wenn die Voreinstellung öffentlich ist, geh davon aus, dass es seit dem Tag der Installation öffentlich war.
2. Sammelt sie im Hintergrund, und brauchst du das?
Standortzugriff im Hintergrund ist für manche Funktionen wirklich nötig und für andere reiner Ballast. Ein Streckenrekorder, der erst auf Knopfdruck läuft, braucht ihn nicht. Eine Karte, die sich beim Gehen von selbst füllt, schon. Die Frage ist nicht, ob Hintergrundzugriff schlecht ist, sondern ob du etwas dafür bekommst.
Unter iOS zeigt Einstellungen, dann Datenschutz & Sicherheit, dann Ortungsdienste jede App und ihre aktuelle Stufe, inklusive violettem Pfeil bei allem, was kürzlich auf den Standort zugegriffen hat. Unter Android findest du dasselbe unter Einstellungen, dann Standort, dann Berechtigungen für Apps. In beiden Fällen genügt ein Tipp, um eine App auf „Beim Verwenden" herunterzustufen.
3. Wo liegen die Daten, und wer bekommt eine Kopie?
Die Rechtslage entscheidet darüber, welche Rechte du tatsächlich hast, nicht das Versprechen auf einer Marketingseite. Daten in der EU unterliegen der DSGVO, die dir ein einklagbares Recht auf eine Kopie und auf Löschung gibt. Ebenfalls aufschlussreich: welche Dritten als Auftragsverarbeiter gelistet sind, denn dorthin fließen Daten, ohne je „verkauft" zu werden.
Ein Fünf-Minuten-Check
Lohnt sich einmal, und zwar für jede Standort-App auf dem Handy, nicht nur für die zum Gehen.
- Öffne die Sichtbarkeits-Einstellungen der App und sieh dir die Voreinstellungen an. Stell die Sichtbarkeit deiner Aktivitäten auf das, womit du dich bei einem Fremden wohlfühlen würdest. Das ist der Maßstab.
- Schalte die Privatzone um Wohnung und Arbeitsplatz ein, falls die App das anbietet. Die wertvollste Einstellung auf dieser Liste, und die am häufigsten ignorierte.
- Prüfe die Standortberechtigung in den Handy-Einstellungen, nicht in der App. Stufe alles herunter, was keinen Hintergrundzugriff braucht.
- Sieh dir dein eigenes Profil ausgeloggt an. Öffne es in einem privaten Browserfenster. Was du dort siehst, sieht jeder.
- Fordere deinen Datenexport an. Jede DSGVO-konforme App bietet das. Nur so erfährst du, was wirklich gespeichert ist, statt was du vermutest.
- Lösche Konten, die du nicht mehr nutzt. Ein aufgegebenes Fitness-Konto ist immer noch eine präzise Karte deines Lebens zum Zeitpunkt des Aufgebens.
Warum „wir verkaufen deine Daten nicht" zu kurz greift
Es ist eine echte Zusage und sie ist etwas wert. Sie deckt nur die Fälle nicht ab, die tatsächlich Schaden angerichtet haben.
Ein Unternehmen kann vollkommen ehrlich nie Daten verkaufen und trotzdem eine aggregierte Heatmap veröffentlichen, die eine Militärbasis sichtbar macht. Es kann samt Datenbank von einer Firma übernommen werden, die nie etwas versprochen hat. Es kann gehackt werden. Es kann eine behördliche Anordnung bekommen. Und all das berührt die größte Kategorie noch gar nicht: die Daten, die du selbst veröffentlicht hast, weil eine Voreinstellung auf öffentlich stand und du nie nachgesehen hast.
Die nützliche Frage ist nicht „verkauft ihr das". Sie lautet: Was passiert standardmäßig, was kann ich abschalten, und bekomme ich alles wieder zurück.
Wo wir stehen
Das hier ist unser Blog, also die ehrliche Offenlegung. Fogbreaker ist eine Walking-App, die eine Karte freilegt, während du gehst. Damit steckt sie genau in der Kategorie, um die es hier geht, und du solltest sie an denselben drei Fragen messen.
Was wir klar sagen können: Gebaut wird sie von der Teratis Solutions GmbH, einem deutschen Unternehmen. Die Daten liegen auf Servern in der EU und unterliegen der DSGVO. Wir verkaufen sie nicht und geben sie nicht zu Werbezwecken an Dritte weiter. Dein Konto und alles darin kannst du jederzeit selbst löschen, ohne jemandem eine Mail schreiben zu müssen.
Was wir nicht tun: behaupten, die Kategorie sei ungefährlich, weil wir darin sitzen. Eine Karte der Straßen, die du gegangen bist, ist ihrer Natur nach sensibel. Das gilt für unsere, für Strava und für jede App in diesem Vergleich. Die angemessene Reaktion ist: wissen, was gespeichert wird, die Voreinstellungen eng halten, und alles zurückholen können, wenn man will.
Was hängen bleiben sollte
Die Bodyguards aus der Le Monde-Geschichte sind nicht fahrlässig mit einem Geheimnis umgegangen. Sie sind laufen gegangen und haben auf Speichern gedrückt, in einer App, deren Voreinstellungen sie nie geprüft hatten. Die Summe aus tausenden solcher ganz gewöhnlicher Entscheidungen ergab eine Karte davon, wo mehrere Staatschefs übernachten.
Kaum jemand, der das hier liest, beschützt einen Präsidenten. Aber der Mechanismus ist auf jeder Ebene derselbe, und die Abhilfe auch. Nimm dir fünf Minuten für deine Voreinstellungen. Schalte die Zone um dein Haus ein. Und dann geh spazieren, denn die Antwort war nie, das Gehen zu lassen oder keine Aufzeichnung mehr zu führen. Sie war, zu wissen, was die Aufzeichnung sagt und wer sie lesen kann.
