Es gibt inzwischen sehr viele Listen mit Mikroabenteuer-Ideen, und sie sind sich alle ähnlich. Draußen übernachten. Mit dem Deutschlandticket zur Endstation fahren. Im See schwimmen. Sonnenaufgang auf einem Hügel. Vogelstimmen bestimmen. Die Listen sind nett geschrieben, die Ideen sind gut, und fast niemand macht davon irgendetwas ein zweites Mal.
Das liegt nicht an mangelnder Begeisterung. Es liegt daran, dass jede dieser Listen eine Liste von Zielen ist, und damit genau das zurückholt, was der Begriff Mikroabenteuer eigentlich loswerden wollte.
Woher der Begriff kommt, und was er hieß
Geprägt hat ihn der britische Abenteurer Alastair Humphreys, der ihn ab etwa 2011 verwendete und 2014 das Buch Microadventures: Local Discoveries for Great Escapes veröffentlichte. Seine Definition ist bemerkenswert nüchtern: ein Abenteuer, das nah an zuhause, günstig, einfach, kurz und trotzdem sehr wirksam ist.
Dazu kommt sein bekanntester Kniff, das 5-to-9: die Stunden zwischen Feierabend um fünf und Arbeitsbeginn um neun am nächsten Morgen. Sechzehn Stunden, die den meisten Menschen ohnehin gehören und in denen die meisten Menschen nichts tun, woran sie sich später erinnern.
Entscheidend ist die Reihenfolge in dieser Definition. "Günstig" und "einfach" stehen vor "wirksam". Der ganze Punkt war, den Aufwand so weit zu senken, dass die Entscheidung wegfällt. Nicht das Abenteuer kleiner machen, sondern die Vorbereitung.
Und genau da kippen die Listen
Nimm die typische Idee: mit der S-Bahn eine Station weiter als sonst, oder gleich bis zur Endstation, und dann zu Fuß zurück. Sie steht in fast jeder deutschen Mikroabenteuer-Liste, und sie ist die beste Idee darin, weil sie unserer Erfahrung nach die einzige ist, die Leute wirklich wiederholen.
Jetzt nimm die daneben: eine Nacht draußen im Biwaksack schlafen. Dafür brauchst du einen Biwaksack, eine Isomatte, einen Ort, an dem das erlaubt oder zumindest unproblematisch ist, halbwegs passendes Wetter, und die Bereitschaft, am nächsten Morgen ungeduscht zur Arbeit zu fahren. Das ist ein schönes Erlebnis. Es ist auch ein Wochenendprojekt, das als Feierabendidee verkauft wird.
Beide stehen in derselben Liste, ohne Unterschied. Und weil die Liste ein Katalog ist, wird das Mikroabenteuer zu einem Vorhaben: Man sucht sich etwas aus, prüft die Voraussetzungen, sucht ein Datum, verschiebt es einmal, und dann ist September.
Eine Idee, für die man sich entscheiden muss, ist keine Reibungslosigkeit mehr, sondern nur ein kleineres Vorhaben.
Das Abenteuer-Wort ist Teil des Problems
Dazu kommt ein zweiter Effekt, über den in diesen Texten nie jemand schreibt. Sobald etwas "Abenteuer" heißt, steigt die Messlatte dafür, was als eines durchgeht.
Eine halbe Stunde durch ein Wohngebiet, in dem du noch nie warst, fühlt sich neben "Sonnenaufgang auf dem Gipfel" nach nichts an. Also machst du es nicht, obwohl es das einzige der beiden ist, das du auch am Dienstag bei Nieselregen um halb acht schaffst. Der Begriff, der die Hürde senken sollte, hebt sie an, sobald daraus eine Liste mit Höhepunkten wird.
Der Test, den eine Idee bestehen muss, ist deshalb nicht "klingt das nach einem Abenteuer". Er lautet: Kannst du es heute Abend machen, ohne etwas zu besorgen, ohne etwas nachzuschlagen und ohne jemandem Bescheid zu sagen?
Fast nichts aus den Listen besteht diesen Test. Eine Sache schon.
Die Version ohne Ziel
Geh los und bieg falsch ab.
Nicht "geh in den Park". Nicht "fahr zur Endstation", auch wenn das nah dran ist. Sondern: Verlasse deine Wohnung wie immer und nimm an der ersten Kreuzung die Richtung, die du nie nimmst. Dann noch einmal. Nach zwanzig Minuten bist du in Straßen, an denen du seit Jahren vorbeifährst und die du nie betreten hast, ungefähr 400 bis 1.500 Meter von deiner Haustür entfernt.
Das ist unspektakulär genug, dass es niemand aufschreiben würde. Deshalb funktioniert es. Es hat kein Ziel, also kann es nicht scheitern. Es hat keine Ausrüstung, also gibt es nichts vorzubereiten. Es hat keine Mindestdauer, also zählt auch die verkürzte Version bei Regen.
Und die Trefferquote ist höher, als man denkt. Die meisten Menschen kennen von ihrem eigenen Viertel drei oder vier Speichen: zur Arbeit, zum Supermarkt, zur Bahn, vielleicht zu einem Lokal. Der Rest der Fläche dazwischen ist unbetreten und liegt in Gehweite. Dazu haben wir einen längeren Beitrag über das Gehen ohne Ziel, und die strukturierte Fassung davon ist Stadtwandern.
Die Listen sind trotzdem nicht wertlos
Um fair zu bleiben: Die guten Ideen aus diesen Sammlungen sind gute Ideen. Draußen essen statt in der Küche. Mit dem Fernglas Vögel im Park suchen. Die Endstation. Sie taugen als Wochenendplan, und ein Wochenendplan ist etwas Sinnvolles.
Sie taugen nur nicht als das, wofür sie ausgegeben werden, nämlich als Ersatz für eine Gewohnheit. Ein Mikroabenteuer, das dreimal im Jahr stattfindet, ist ein Ausflug. Der Grund, warum Humphreys das 5-to-9 überhaupt formuliert hat, war die Häufigkeit, nicht die Größe.
Also: Behalte die Liste für Samstage. Für Dienstage brauchst du etwas, das keine Entscheidung ist.
Wo wir dabei ins Spiel kommen, und wo nicht
Der ehrliche Teil zuerst. Fogbreaker ist keine Abenteuer-App. Wir schlagen keine Ziele vor, planen keine Routen, empfehlen keine Orte und haben keine Ideenliste. Wer eine Sammlung von Ausflugsvorschlägen sucht, ist bei den oben genannten Blogs deutlich besser aufgehoben als bei uns.
Was wir lösen, ist das kleinere und langweiligere Problem: zu wissen, wo du noch nicht warst. Die Karte startet komplett unter Nebel, und sie lichtet sich nur dort, wo du wirklich zu Fuß hingehst. Nach zwei Wochen siehst du deine drei oder vier Speichen als Bild, und du siehst die Fläche dazwischen, die du dir gerade nicht vorstellen kannst, weil unbetretene Straßen keine Erinnerung hinterlassen.
Damit wird aus "bieg falsch ab" etwas, das eine Rückmeldung hat. Das ist der ganze Beitrag, den wir leisten, und er ist kleiner, als eine App-Empfehlung normalerweise klingt.
Zwei Einschränkungen, die dazugehören. Der Nebel lichtet sich durch GPS-Bewegung draußen, Schritte in der Wohnung oder auf dem Laufband ändern nichts an der Karte. Und die App wird mit der Zeit weniger nützlich, weil irgendwann alles aufgedeckt ist, was in Gehweite liegt. Das ist das richtige Verhalten für ein Werkzeug, dessen Aufgabe es ist, sich selbst überflüssig zu machen.
Heute Abend, an der ersten Kreuzung: die andere Richtung. Mehr ist es nicht.
